Vita
 
Michael Tolloy lebt und arbeitet in Pfons/ Tirol (Österreich)

2000- 2003
Akademie für Holz und Gestaltung, München

2009- 2012
Fachschule für Holz und Steinbildhauerei, Wien

2016
Ruth- Leibnitz- Preis, Lichtenstein

2016
Europäischer Gestaltungspreis, Karlsruhe








Literatur
 
Die Darstellung des Menschen in der Kunst ist eine Besonderheit. Denn es ist quasi ein Schöpfungsakt. Wie immer das Ergebnis aussieht - ob naturalistisch oder abstrakt - es ist, wie der Künstler selbst, einzigartig. Unabhängig davon, ob es gefällt oder nicht. Das Ergebnis ist das, was der Künstler im Menschen, den er in seiner Phantasie sieht und spürt, in gewisser Weise ein Spiegelbild, das Gegenüber seiner selbst. Der Mensch realisiert sich damit - bewußt - als Bestandteil der Natur und ist dennoch eine Besonderheit im Gesamtbild der Schöpfung. Und ist bisweilen über sein eigenes Bild überrascht: das bin ich? Wer ist das? Und das erste, was den Betrachter beschäftigt ist die Frage: ist das als Mensch erkennbar, stimmen die Proportionen? Und je deutlicher die naturalistische Darstellung erkennbar ist, umso kritischer wird er oder sie, wenn die Nase nicht dort ist, wo sie normal ist. Wobei übersehen wird, dass die Nase jedes Menschen, nur vermeintlich in der Mitte ist. Das Spiegelbild ist ein Topos der Mythologie, Bildenden Kunst, der Literatur, der Psychologie. Schöpfung als Thema: Die Genesis stellt in ihrem Bericht fest, daß, nachdem alles erschaffen wurde, Gott am 6. Tage nach der Erschaffung der Landtiere, empfand, daß noch etwas fehlt, daß diese Schöpfung einer Ergänzung bedarf. Lasset uns also den Menschen machen. Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Als Mann und Frau schuf er sie. Der geschaffene Mensch ist also das Abbild Gottes. In nicht wenigen Ereignissen der Menschheitsgeschichte könnte man daran Zweifel haben, daß der Mensch gottähnlich ist. Manche verwechseln das, und glauben Gott zu sein. Es gibt, seit der Mensch aus der Dämmerung der Schöpfungsgeschichte tritt, nicht wenige bildliche Zeugnisse von Darstellungen des Menschen auf Felsen und Höhlen, die uns Nachgeborenen in Staunen versetzen, wie die das gemacht haben. Meist sind es Jagdszenen, mit wenigen Strichen skizziert, in denen als Menschen erkennbare Wesen mit Speeren und Bogen jagen. Es hat den Anschein, als ob der Mensch, der sich selbst als Teilnehmer der Jagd sieht, sich damit bewußt außerhalb der Tiere gestellt und sich dadurch zum Menschen gemacht hätte. Bis zur Entdeckung der Venus von Willendorf (1908) durch Archäologen bei Gleisbauarbeiten vergehen 25.000 Jahre. Die Darstellung des menschlichen Körpers scheint dem Menschen immanent zu sein. Ob diese kleine Figur nun als Fruchtbarkeitsgöttin, alsTochter eines Königs etc. gesehen, verehrt, bewundert wird, ist sekundär. Entscheidend sind die menschlichen Merkmale. Als ob die künstlerische Nach-schöpfung menschlicher Körper so begehrenswert wäre. Für Michael Tolloy ist sie von Bedeutung. Es gibt auch eine Venus von Milo, die jedoch aus der hellenistischen Epoche (2. Jhdt v. Chr.) stammt und eine Beispiel für die sog. "klassische Darstellung eines weiblichen Körpers ist. Die Darstellung des Menschen erfährt im Laufe der Zeit mehrere Höhepunkte. Man kommt bei der Betrachtung der Plastiken von Michael Tolloy an der Geschichte der griechischen und römischen Kunst, an der Romanik, Gotik, der Renaissance nicht vorbei. Auch wenn eine eigenständige "Handschrift" des Künstlers nicht zu übersehen ist, ist die Hintergrund-Musik die Geschichte der europäischen Plastik. Warum die plastische Darstellung des Menschen fasziniert, ist nicht zu erklären. Vielleicht liegt sie im Dämmer einer seelischen Befindlichkeit. An den Formen sind Hinweise ablesbar. Ob Henry Moore oder Michelangelo oder Rafael oder Michael Tolloy. Es ist immer etwas delikat, lebende Künstler an die Seite verstorbener Berühmtheiten zu stellen, damit erweist man dem Lebenden nicht immer einen guten Dienst und liefert der Kunstkritik ein Stichwort - im Wortsinn - um den Künstler mit dem Vergleich der Genannten "zu erstechen“. Für Michael Tolloy will ich das dennoch in Anspruch nehmen. Weil Form und Ästhetik bei ihm eine beachtenswerte Symbiose bilden. Die Qualität der Arbeiten, ob Plastik oder Bild sind bemerkenswert. Eine Haut wie Samt, wenn man es nicht sehen und riechen würde, daß es Holz ist. Tolloy läßt seinen Figuren eine Haut-Politur angedeihen, die den besonderen Produkten der Parfum- und Haut-pflegeindustrie Konkurrenz machen könnte. Aber das würde in die Irre führen, zu verstehen, wofür die Plastiken stehen. Sie sind - trotz Eigenleben des Materials Holz - unversehrt, sie verfügen über eine Seele, ein Herz, sie kommen dem Betrachter "entgegen", ich würde sogar behaupten - wenn man sie ließe - würden sie den/die Betrachter/in umarmen. Als Ausdruck der Sehnsucht, in ein Leben aus Fleisch und Blut zu gelangen. Sie haben kein Alter und sollte man ihnen, wo immer, in zweihundert, dreihundert Jahren begegnen: sind sie gleich jung wie heute. Auch wenn durch ihren Körper ein Riss zieht, wie ein Blitz durch einen Nachthimmel. Darstellung bedeutet, etwas erhalten, etwas als Erhaltenswert erachten; der physische Mensch ist vergänglich, die Kunst (in ihren verschiedenen Ausdrucksformen) macht ihn „dauerhaft". Gleichwohl die Darstellung nur einen einzigen Moment, einen Augenblick behandelt. Plastik als Momentaufnahme, um das "So-sein" zu zeigen. Die Figuren blicken den Betrachter an und umgekehrt; denn der Betrachter sucht das ihm Ähnliche; je größer die Ähnlichkeit, umso näher kommt ihm das Kunstwerk, je weiter entfernt die Ähnlichkeit umso größer das Befremden; später, wenn der Besucher längst wieder im Alltag untergetaucht ist, bleiben diese Figuren dennoch im Gedächtnis. Die Figuren von Michael Tolloy sind uns nahe, weil sie mit uns eine Ähnlichkeit haben. Die Figuren "erfahren" uns (wenn wir ihnen gegenüberstehen und sie ansehen) und sie verursachen in uns eine Erfahrung, die uns längst abhanden gekommen ist: die ihrer Unversehrtheit. Trotz der Anfälligkeit von Verletzungen des Materials, und darin besteht die Einzigartigkeit des Materials. Man könnte auch sagen, die Figuren drücken etwas "Paradiesisches" aus, das wir im Laufe der Geschichte des Menschen-seins verloren haben; so waren wir früher - es wäre möglich, daß wir so gewesen sein könnten. Unberührt. Darstellung ist gleichzeitig Interpretation einer Befindlichkeit. Die des Künstlers mit sich und der Welt. Ob in seiner Stube, in seinem Atelier oder in New York. Der Titel dieser Ausstellung ist "Fortuna - das Glücksrad der Kinder“. Kinder sind Zukunft. Die meisten Kinder entstanden in einem Funkenregen von Hoffnung auf ein langanhaltendes Glück, das die Erwachsenen Liebe nennen. Manchmal dauert dieses Glück leider nicht lange und wenn Kinder das spüren, bricht eine Welt in ihnen zusammen. Ihr Glück hat einen Riß bekommen. Es erstaunt immer wieder, daß die Politik nicht erkennt oder verstehen will, daß die beste Investition für eine enkeltaugliche Zukunft, Investitionen in und für die Kinder sind; daß eine Familie mit Vater und Mutter, als Synonym für ein Zuhause, für Geborgenheit, als Biotop für das Heranwachsen, als Rückzugsort und Begleitung in schwierigen Zeiten, Reifen und Erwachsenwerden, die entscheidenden Weichen sind, für ein glückliches und gelingendes Leben. Und wer will im Leben nicht glücklich sein? Nicht geliebt und umsorgt werden? Angesichts der gegenwärtigen Kriege auf den verschiedenen Kontinenten, des Desasters der Flüchtlingspolitik, sind Kinder immer diejenigen, die es am härtesten trifft. Fortuna ist die Göttin des Glücks und des Schicksals. Das Glück kann man nicht kaufen und nicht bestellen. Es ist, wie es ein Wienerlied formulierte, ein Vogerl. Das Glück is a Vogel Goa liab, owa scheu: es losd si schwea faungan ow fuatgflogn is glei. Dehs Heaz is da Kehfig und schaues net dazu daun hosd du auf amoi ka Rohsd und ka Ruah. Der Text stammt von Alexander von Biczo, vertont hat es Karl Kratzl (1852-1904).
Die Bildhauerei von Michael Tolloy hat etwas mit Liebe zu tun. Es ist ein Liebes-Spiel mit Material und Herz. Er hat in seine Figuren eine Seele hineingearbeitet. Und wenn man lange genug hinsieht, hat man unter Umständen das Glück, daß man ihr Herz schlagen sieht

Text: Hans Augustin